Ein neues Jahr, ein neuer Film von Luca Guadagnino bei den Festspielen von Venedig. Überraschenderweise wurde sein Neuling After the Hunt jedoch nicht im Wettbewerb, sondern in einer Nebenreihe gezeigt. Machtdemonstration oder böses Omen? Ihr erfahrt es in unserer Kritik!
After the Hunt – Darum geht’s
Die abendlichen Treffen in der Wohnung der Yale-Professorin Alma Imhoff (Julia Roberts) und ihres Manns Frederik (Michael Stuhlbarg) sind ein Nährboden des Austauschs. Lehrkräfte und Studierende debattieren dort über politische Meinungsverschiedenheiten, darunter auch Almas alter Freund und Kollege Hank (Andrew Garfield). Eines Tages erreicht Alma eine Beschwerde ihrer Studentin Maggie (Ayo Edebiri). Hank habe auf dem gemeinsamen Heimweg eine Grenze überschritten und sei sexuell übergriffig geworden. Während Alma versucht, ihren Interessenskonflikt zu bewältigen, eskaliert die Situation immer mehr in eine Grundsatzdebatte. Das Dekanat und die Medien erfahren von den Vorwürfen, und die öffentliche Meinung ist nicht gnädig mit den Beteiligten.

Wo ist der Regisseur?
Aus so gut wie jedem Blickwinkel betrachtet ist After the Hunt ein für Luca Guadagnino untypisches Projekt. Bislang setzte der italienische Maestro auf sinnliche Geschichten, die Intimität, Körperlichkeit und Expression in den Vordergrund stellten. Starke Bücher wurden in noch stärkere Bilder adaptiert, die visuelle Sprache war sicher, gewagt und ausdrucksstark. Kameraarbeit, Schnitt und Sounddesign gingen Hand in Hand und kreierten Filme, die eben nicht nur verstanden, sondern auch gefühlt werden sollten. Der Maximalismus von Challengers, die Choreografie von Suspiria, die Gleichsetzung von Lust und Hunger in Bones and All – Guadagninos Präferenz war klar erkennbar. Das didaktische, stark zeitgeistliche #metoo-Universitätsdrama After the Hunt bricht nicht nur mit diesem Trend. Es hinterfragt auch, warum es ihn überhaupt gab, denn es ist das erste enttäuschende Projekt des Regisseurs nach einer Reihe absoluter Volltreffer.
Leider lässt es sich nicht leugnen – hier funktioniert nicht viel. Ellenlange Gesprächsszenen, in denen bereits hundertfach durchgekaute gesellschaftspolitische Streitthemen buzzwordartig abgefrühstückt werden, reihen sich quasi lückenlos aneinander. Was fehlt, sind entweder reale Emotionen oder greifbare Cleverness. Das geradezu verzweifelt kontemporäre Drehbuch von Nora Garrett verpasst trotz breit gefächerter Themen den Puls der Zeit um zehn Jahre und landet in einer Ära, in der es noch nicht unendlich kräftezehrend war, den Verwandten am Weihnachtstisch nach dem vierten Glühwein beibringen zu wollen, dass Nein auch wirklich immer Nein bedeutet. Von Guadagnino ist im Grunde nicht viel zu erkennen. Lediglich die interessanten Nahaufnahmen von gestikulierenden Händen verweisen auf seine Vorliebe für Körper-Sprache im wörtlichen Sinne.

Handwerklich eingeengt
Die wirklichen Mangelerscheinungen werden deutlich, wenn man unter dem Mikroskop betrachtet, wie die nach wie vor vernünftig eingefangenen Bilder arrangiert sind. Editor Marco Costa kehrt nach seinem brachialen Doppelschlag aus Challengers und Queer, zwei der am stärksten montierten Filme des vergangenen Jahres, zurück. Seine Exaktheit hat er diesmal jedoch zuhause vergessen. Schnitte wirken beliebig gesetzt, Einstellungen stehen bisweilen deutlich zu lang und reißen dann doch völlig abrupt ab. Konversationen im Inneren von Räumen sind offensichtlich zu restriktiv für Costas Talent, die Bilder wie einen Tennisball über das Feld springen zu lassen. Der Wunsch auszubrechen spricht deutlich aus jedem unbeholfenen Cut zur Nahaufnahme eines Gesichts, die wir in derselben Szene bereits zweimal gesehen haben. Auch die in Queer dauerpräsenten Blicke in die Gedankenwelt der Hauptfigur, signalisiert durch begnadete Überblenden, fehlen im staubtrockenen After the Hunt. Was bleibt, ist ein inhaltlich und visuell oberflächlicher Film.
Nicht einmal auf Guadagninos etablierte Kollaborateure Trent Reznor und Atticus Ross, die für die Musik zurückkehren, ist Verlass. Das generisch anmutende atonale Pianogeklimper, mit dem die beiden Szene um Szene unterlegen, mag nie so recht einen Eindruck hinterlassen, und das, obwohl es in der Tonmischung brutal in den Vordergrund gedreht wurde. Bei aller Kritik an Drehbuch und Stil muss auch erwähnt werden, dass After the Hunt schrecklich klingt. Dialoge sind kaum verständlich und dumpf auf die Rückseite der Spur gemixt, Untertitel zu lesen ist quasi Pflicht. Sogar das wiederkehrende Soundelement einer tickenden Uhr ertränkt so manche Szene akustisch und klingt auf Kinoboxen kaum erträglich. So sehr Luca Guadagnino für seine mutigen und stilbrechenden Entscheidungen bekannt ist, hiermit hat er sich klar verkalkuliert.
Zu viele Stars, zu wenige Charaktere
Das im Voraus eindringliche Getuschel um den Cast sollte mit der Premiere des Films vollends verstummt sein. Oscar-Auszeichnungen wurden prophezeit, ein Comeback von Julia Roberts voreilig zelebriert, und auch Ayo Edibiris erster großer Ausflug auf die Leinwand abgesehen von Synchronarbeiten war heiß erwartet. Übriggeblieben ist ein laues Lüftchen. Edibiris Performance ist die klar schlechteste in After the Hunt – ihre Maggie wird dargestellt wie eine müde Parodie auf Geisteswissenschafts-Erstsemester:innen –, aber auch ihre erfahreneren Co-Stars hinterlassen kaum bleibende Eindrücke. Andrew Garfields Hank entpuppt sich als völliges Fehlcasting. Sein fast knabenhafter Esprit beißt sich mit den ewiggestrigen Gesprächspunkten seiner Rolle und beraubt sie jeglicher Legitimität. Dieser Mann müsste entweder 30 Jahre älter sein oder im Finanzwesen arbeiten statt am College. Seine intellektuellen Sprachkniffe klingen auswendig gelernt statt gelebt. Roberts‘ Leistung ist solide, jedoch kaum vielschichtig und gefährlich nah an einem Stereotyp.
Lediglich eine Darbietung ragt in diesem insgesamt eher unauffällig gespielten Film besonders heraus. Nach der begnadeten Vaterrolle in Call Me by Your Name und einem denkwürdigen Kurzauftritt in Bones and All kehrt Michael Stuhlbarg brillant in einem Guadagnino-Werk zurück. Der völlig unterschätzte Charakterdarsteller erweckt den auf der Drehbuchseite blassen Frederik zum Leben und emanzipiert sich von den Diskurs-Sockenpuppen im restlichen Ensemble. Die Rolle in After the Hunt ist nur eine weitere Glanzleistung in Stuhlbargs Filmografie. Seine im Vergleich zum restlichen Hauptcast geringere Prominenz garantiert, dass das Gesicht die Performance nie überschattet. Wo Julia Roberts statt Alma Imhoff eigentlich nur Professorin Julia Roberts spielt, ist Stuhlbarg selten bis nie hinter Frederik zu erkennen. Gerade zwischen Schauspieler:innen, die von der Regie offenbar völlig ratlos zurückgelassen wurden, gebührt ihm dafür Hochachtung.
Diskurse auf dem Seziertisch
Wenngleich die Umsetzung in letzter Konsequenz nicht wirklich gut ist, lohnt es sich dennoch zu versuchen, die Ideen in After the Hunt greifbar zu machen. Hinter durchexerzierten Diskussionsthemen stecken nämlich vereinzelt auch valide Punkte, die schlicht und ergreifend zu schwammig verarbeitet wurden. Dass der Film beide Seiten der Debatte der Lächerlichkeit preisgeben möchte, dürfte keine revolutionäre Erkenntnis sein. Alma sieht ihre Stärke in Resilienz; als sie im College-Alter war, wurde ihr nichts geschenkt. Ihre Errungenschaften erreichte sie trotz und nicht wegen der vorherrschenden Strukturen durch das Hinhalten der anderen Backe. Starke Schmerzen behandelt sie lieber mit illegalen Medikamenten, schluckt sie also buchstäblich herunter, statt sich behandeln zu lassen.
Maggie als Vertreterin einer Generation, in der das Fehlen von Privilegien zur Waffe umfunktioniert werden musste, erscheint in ihren Augen bequem. Sympathisch sind beide Figuren nicht, jedoch spricht aus ihnen der Überlebenswillen. Der Generationenkonflikt äußert sich durch die Gegenüberstellung von Gehorsam und Widerstand. Eine ähnliche Debatte, projiziert auf kulturelle Aneignung, fing Blood and Sinners im April deutlich gewiefter in einer Vampir-Metapher ein.

Der zweite starke narrative Fokus liegt auf der Unmöglichkeit des unpolitischen Handelns. Der Niedergang von Almas Figur beginnt und endet mit der Verpflichtung, sich entscheiden zu müssen. Ihre Studentin Maggie sagt dieses aus, ihr Kollege Hank jenes. Alma hat keinerlei zusätzliche Informationen, kann sich dem Druck allerdings nicht entziehen – seitens Maggie, seitens Hank, seitens aller, die von dem Fall erfahren. Sich nicht zu äußern ist keine Option mehr. Gekonnt, aber zu unreflektiert und nicht bissig genug karikiert das Drehbuch diesen Umstand und fördert seine Absurdität zutage. Dabei vergisst es leider die Problematik, dass apolitisches Nichtstun weder im Mikrokosmos einer Universität noch in einer Gesellschaft möglich ist. Durch ihr Schweigen stärkt Alma letztlich doch die Machthaber-Partei – ähnlich wie Nichtwähler:innen den wachsenden rechten politischen Flügel.
© 2025 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.
Unser Fazit zu After the Hunt
Selbst wenn Nora Garretts Skript pures Gold gewesen wäre, war Guadagnino nie der richtige Regisseur, um After the Hunt zu realisieren. Seine Erfolgssträhne reißt mit einem größtenteils kompetenten, aber nie anregenden Gähner von Film. Die gewagten Stilbrüche sind nach wie vor präsent, erscheinen jedoch bei Weitem nicht so pointiert wie in vergangenen Hits des Challengers-Machers. Ob die zu laut gedrehte tickende Uhr, die die Dialoge übertönt, für den Zeitgeist steht, der jegliche Chance auf eine Konversation im Keim erstickt? Durchaus möglich, aber dieses Konzept wurde wie diverse andere nicht annähernd genügend ausgearbeitet, um in eine ergiebige Analyse zu resultieren. Über 139 Minuten suhlt sich After the Hunt in inszenatorischen und inhaltlichen Belanglosigkeiten, beleuchtet seine interessanten Ideen nicht hinreichend genug und endet mit einem sinnlosen Bruch der vierten Wand, der wohl jede:n verwirrt zurücklassen dürfte. Insofern ist er tatsächlich eine optimale Repräsentation des schrecklichen Kampfbegriff "Cancelns": kurzzeitig laut, nach wenigen Wochen vergessen und ohne irgendeine reale Konsequenz.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

