Das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte wurde des Öfteren auch schon mit amerikanischen Darstellerinnen und Darstellern in Filmform verarbeitet. Nun wendet sich James Vanderbilt mit Nürnberg den Prozessen nach dem Ende des zweiten Weltkriegs zu und hat dabei einen großen Namen in der Rolle der Nazi-Größe Herrmann Göring an Bord. Ist das dem Thema angemessen oder überschreitet man hier die Grenzen zur Verhollywoodisierung?
Darum geht’s im Kriegsdrama Nürnberg
Nürnberg, 1945: In den Ruinen einer vom Krieg gezeichneten Stadt erhält der amerikanische Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die inhaftierten Hauptverantwortlichen des NS-Regimes in Vorbereitung auf die Nürnberger Prozesse untersuchen. Unter ihnen ist der ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring, dessen Intelligenz, Charisma und manipulative Stärke Kelley gleichermaßen herausfordern wie faszinieren. Trotz anfänglicher Machtspiele gelingt es dem Arzt, Görings Vertrauen zu gewinnen und Einblick in seine Persönlichkeit zu erhalten. Während im Gerichtssaal die Verhandlungen beginnen, fällt es Kelley zunehmend schwerer, die notwendige Distanz zu wahren.

Immer wieder die Nazis
Allein im deutschsprachigen Filmgeschäft hat es in den vergangenen Jahren wieder ein spürbare Häufung von überwiegend auf Einzelpersonen fokussierten Weltkriegs-Filmen gegeben: The Zone of Interest über Rudolf Höß, Das Verschwinden des Joseph Mengele oder auch die Charakterstudie über Joseph Goebbels als Strippenzieher hinter dem Führer, Führer und Verführer. Das Interesse – vielleicht gar die erschreckende Faszination – an dieser grausamen Episode der Geschichte scheint ungebrochen – und ist im Rahmen der Erinnerungskultur, da nunmal langsam die letzten Zeitzeugen verschwunden werden sein, ein nicht unerheblicher Beitrag. Klar gibt es auch Verzerrungen von Wirklichkeit und Schuldfragen, aber in der Regel sind die meisten fiktionalisierten Stoffe mit Bedacht recht nah dran an der Historie, um pietät- und respektvoll mit allen Schicksalen umzugehen.
Grundlage von Nürnberg ist nun explizit das Sachbuch The Nazi and the Psychiatrist. Hermann Göring, Dr. Douglas M. Kelley, and a Fatal Meeting of Minds at the End of WW II von Jack El-Hai, in dem es insbesondere um den Militärpsychologen geht, der sich in Verbindung mit den Nürnberger Prozessen mit dem Kriegsverbrecher Herrmann Göring auseinandergesetzt hat. Entsprechend könnte man nun von diesem Drama eine Art Charakter-Deep-Dive á la Mindhunter erwarten, was in diesem thematischen Genre durchaus Potenzial und Neuigkeitswert hätte. Doch leider war sich der Film dieser Chance wohl nicht bewusst…
Alles andere als „show don’t tell“
Auch wenn es einige kammerspielartige Gesprächsszenen gibt – und diese in Teilen gar nicht so weit von den Dialogen voller gegenseitiger Manipulation und Machtdemonstration der Fincher-Serie weg sind -, erreicht dieser Aspekt auf der psychoanalytischen Ebene nie wirklich Tiefe. Zu laienhaft erkennbar sind Aktion und Reaktion, zu offensichtlich, wie sich die Figuren gegenseitig ausspielen wollen. Zum Teil hält Nürnberg sein Publikum dann auch für wirklich sehr dumm und erklärt Dinge, die längst vermittelt wurden, noch doppelt und dreifach nach. Ja, dieser Film ist dann verglichen mit anderen Drittes-Reich-Filmen wahnsinnig geradlinig, plakativ – aber dadurch eben auch für Leute ohne jedwede Vorkenntnis ein guter Einstieg in das hochkomplexe historische Geflecht.

Zugutehalten muss man den Machern zudem, dass zwar vieles dramaturgisch zugespitzt wird, aber der Film als solches doch authentisch bleibt, in Bezug auf die Hauptgeschichte nicht manipulativ ist. Der Einsatz von echtem Bildmaterial ist zielführend und nicht ein Stilmittel zum Schockieren, tonal schlägt man nie über die Stränge, um aus Nürnberg einen Reißer zu machen oder was häufig passierte, aus den Nazis wahlweise Witzfiguren zu machen oder sie zu sehr zu diabolisieren. Ist der Vanderbilt-Streifen historisch oder dokumentarisch differenziert? Sicher nicht. Aber haben Nazis ein Recht auf eine differenzierte Darstellung? Zur Hölle, Nein!
Solider Genrebeitrag
Als Kriegs-/Justizthriller als Aufarbeitung der Nazi-Grauen ist Nürnberg nüchtern betrachtet ein solider Film, dramaturgisch gut gepaced, audiovisuell überzeugend und in Bezug auf die Dialoge zwar leicht pathetisch, aber doch noch glaubhaft. Das Problem ist ironischerweise – manch einer würde es aber als erwartbare Crux bezeichnen – die Dimension der Produktion. Denn: Mit der Besetzung von so bekannten Gesichtern in realhistorischen Rollen, wird es vielen beim Zuschauen schwer sein, nicht ständig die überaus charismatischen Schauspieler hinter den Nazi-Monstern oder auch den juristischen Gegenspielern zu sehen.
Crowe als Ober-Nazi? No Way!
So sehr man sich auch als Zuschauer anstrengt, man nimmt Russell Crowe seinen Hermann Göring einfach nicht komplett ab. Ganz unabhängig der sprachlichen Aspekte, ist es schon etwas befremdlich, wenn er als überheblicher, selbstgerechter zweiter Mann hinter Hitler dann fast intime, freundschaftliche Gespräche mit Rami Malek führt, die natürlich die Ambivalenz der Figur Göring vermitteln sollen, aber dann durch die Persona Crowe zu einer nicht wegzuredenden Verzerrung führen. Und das soll nun gar nicht heißen, dass der Gladiator-Star hier schlecht spielen würde.
Im Gegenteil hält er sich verglichen mit den letzten Auftritten angenehm zurück, gleitet – wenn überhaupt – nur in ganz wenigen Szenen in ein Over Acting ab. Man merkt schon, dass er sich der Gravitas seiner Rolle bewusst war und entsprechend schon gewisse Manierismen des historischen Vorbilds in sein Spiel integriert hat. Doch bis zum Ende des Films bleibt der fade Beigeschmack, dass Russell Crowe schlicht die falsche Wahl für diesen war.

Keine darstellerischen Offenbarungen
Rami Malek (The Amateur) spielt dann wieder ziemlich erwartbar den leicht verschrobenen Typen, wobei man ihm aber den verbalisierten Zwiespalt zwischen wissenschaftlichem Interesse an der „Psychologie des Bösen“, monetären Träumen, die sich ihm hier auftun und einer gewissen ehrlichen Faszination, ja fast schon Bewunderung Görings nicht ganz abkauft. Mehr überzeugen kann dann, auch wenn seine Rolle wieder in eine ähnliche Kerbe schlägt wie in Death by Lightning, Michael Shannon als idealistischer Jurist. Diese Rollen sind einfach für ihn geschrieben.
Darüber hinaus ist der Cast gespickt von bekannten Gesichtern bis in die kleinen Nebenrollen – und auch mit deutschen Namen angefüttert. Vor allem diese Deutschen, namentlich Andreas Pietschmann (Dark) als Rudolf Heß, Peter Jordan als Karl Dönitz oder Tom Keune als Robert Ley spielen sich angenehm unaufdringlich ins Gedächtnis der Zuschauer, während die Auftritte von Colin Hanks, Richard E. Grant, John Slattery und Leo Woodall zwar nicht negativ herausstechen, aber alles in allem auch wirken, als hätte man mit Biegen und Brechen einfach noch einige große Namen fürs Marketing des Projekts gebraucht.
© Sony Pictures Classics/ Weltkino Verleih
Unser Fazit zu Nürnberg
Nürnberg ist ein zweischneidiges Schwert: Durchaus packend, handwerklich über jeden Zweifel erhaben und tonal ausgewogen auf der einen Seite, unterminiert man mit vermeintlich „falschem“ Personal den Anspruch an die historische Akkuratesse. So fällt es schwer, diesen Historienfilm für sich einzuordnen. Wird man manipuliert, waren die „echten“ Nazis wirklich so charismatisch wie ein Russell Crowe hier in der Rolle, sodass man im Nachhinein deren massenmanipulatives Potenzial hiermit aber eher ver- als erklärt? Schaut man den Film entsprechend mit zu hohem Anspruch und zu viel Vorwissen, dann wird man Nürnberg eher kritisch rezipieren. Doch als thematischer Impuls für junge Menschen, die in diesem geschichtlichen Kontext noch wenig bewandert sind, kann ein solcher Thriller vielleicht auch die Neugier zu tieferer Recherche sein.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

