Wenn Edgar Wright einen neuen Film an den Start bringt, ist Vorfreude vorprogrammiert – nach seinen unzähligen modernen Meilensteinen kaum verwunderlich. Doch kann The Running Man an diese Stärken anknüpfen, oder rennt der Film nur über altbekannte Genrepfade seinem Schwarzenegger-Vorläufer hinterher?
Darum gehts in The Running Man
In naher Zukunft gehört „The Running Man“ zu den beliebtesten Fernsehsendungen. In der brutalen Show kämpfen sogenannte Runner ums Überleben, während Profikiller gnadenlos Jagd auf sie machen. Jede ihrer Bewegungen wird live vor einem sensationshungrigen Publikum übertragen. Für jeden Tag, den sie dem Tod entkommen, wächst das Preisgeld. Ben Richards (Glen Powell), ein Mann aus der Arbeiterklasse, sieht in der Teilnahme seine einzige Chance, das Leben seiner kranken Tochter zu retten. Dan Killian (Josh Brolin), der einflussreiche und skrupellose Produzent der Show, überzeugt ihn schließlich davon, sich dem gefährlichen Spiel zu stellen. Mit Entschlossenheit und Überlebenswillen gelingt es Ben, sich gegen die Jäger zu behaupten. Sein Mut und seine Unnachgiebigkeit ziehen bald die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich. Während die Quoten steigen, wächst der Druck. Ben muss nicht nur den Killern entkommen, sondern auch einer Gesellschaft trotzen, die seinen Untergang erwartet.

Ein Meister am Werk
Bereits 2004 überraschte Edgar Wright das breite Publikum mit seinem Zombie-Hit Shaun of the Dead. Von da an war klar: Wright kann zu den großen Regisseuren seiner Generation zählen. Nach der vollendeten Cornetto-Trilogie, Scott Pilgrim und dem modernen Meisterwerk Baby Driver schien der Weg endgültig vorgezeichnet. Seine Handschrift blieb dabei unverkennbar: präziser Schnitt auf die Musik abgestimmt, ein perfekt harmonierender Cast und Figuren, die in obskuren Situationen unberechenbare Entscheidungen treffen. Wiedererkennungswert und Genreraffinesse stehen bei ihm stets im Gleichgewicht – und dennoch fühlt sich jeder Film einzigartig an.
Mit Last Night in Soho verließ Wright erstmals seinen vertrauten Stil und tauchte ins Horrorfach ein. Er bewies Vielschichtigkeit, breite Genrekenntnisse und eine Leidenschaft, die weit über das Medium hinausreicht. Sein Umgang mit Themen, die visuelle Erzählweise und das Vertrauen in die Kraft der Bilder sind zentrale Eigenschaften seines Erfolgs und Teil unverkennbaren Stils. Denn Wright überlässt wenig dem Zufall: Er lässt Einstellungen leben, Inhalte wirken und Geschichten atmen, ohne in Klischees oder Genremechanismen zu verfallen – und schafft so zeitlose Meilensteine. Dadurch zählt er zu den wenigen Regisseuren mit einer nahezu lupenreinen Filmografie.
Remake des kontroversen Kult-Hits
Doch Wright hat sich keine leichte Aufgabe ausgesucht. Mit dem Remake des Kult-Chaos Running Man von 1987 nimmt er sich einen Film vor, mit dem selbst Arnold Schwarzenegger bis heute keinen Frieden gefunden hat. Trashig, cheesy und auf Game-Show getrimmt, bekam Arnie als Ben Richards eine Adaption, die Stephen King so wohl nie vorgesehen hatte – ein haarsträubendes Kind seiner Zeit. Weit entfernt von der literarischen Grundlage und lediglich als Guilty Pleasure für Trash-Fans amüsant, blieb das Arnie-Vehikel stets von hagelnder Kritik begleitet. Denn ein guter Film war Running Man definitiv nicht. Nun stellt sich die Frage: sieht Wright mehr in der Vorlage als Regisseur Paul Michael Glaser 1987 – und wird seine Vision des Herzensprojekts endlich Realität?
Zwischen Verhoeven und Wiseman
The Running Man beginnt deutlich losgelöst von seiner Vorlage. Schnell zeigt sich: Die Welt ist größer, die Themen ernster, die Stakes höher. Wright verhält sich zu seiner 1987er Vorlage ähnlich wie Verhoevens Total Recall zu dessen Remake von 2012 – und macht dabei vieles richtig. Es entsteht keine Kopie, sondern eine Revitaliserung im neuen Gewand. Die alte Tonalität wird abgelegt, die Welt mit erweiterten Mitteln verfeinert und bewusst entfremdet. Wrights Worldbuilding gleicht einer dystopischen Zukunft: industrialisiert, zwischen Arm und Reich gespalten, irgendwo zwischen Neofuturismus und gegenwärtigen Traditionen verankert.
Der Film greift dabei viele interessante Ansätze auf und schafft einen wertigen Überbau, verpasst jedoch – wie Len Wiseman mit seinem Total Recall – die Chance, tiefer in den Weltentwurf einzutauchen. Genau dort, wo es spannend wird, setzt Wright oft den Cut, sodass zahlreiche Facetten der Dystopie einer eher banalen Zukunftsvision überlassen werden, die nie weiterentworfen wird, als gerade nötig. Zwar erzählt Wright viel über Bilder, Milieudarstellungen und die Zusammenarbeit der „lower class“ mit Richards als Underdog-Figur, doch gerade aus dem Medienkonzern FreeVee und Brolins Produzentenfigur macht The Running Man erschreckend wenig.
Subtiler Kommentar vs Holzhammer-Sozialkritik
Was Edgar Wright jedoch beherrscht, ist die direkte Aussagekraft und analytische Perspektive auf gesellschaftliche Missstände. Denn Medien- und Konsumkritik, Repression und totalitäre Kontrolle werden gezielt aufs Korn genommen – wortwörtlich in den Film eingeprügelt. The Running Man setzt dabei nicht auf Subtilität, sondern auf klare und effektive Botschaften, die sich stimmig in Welt, Themen und das straffe Erzähltempo einfügen. Für einen Blockbuster funktioniert das solide, für echte Überzeugung – und die hohen Erwartungen an Wright – bleibt es jedoch zu zweckdienlich, um wirklich zu überraschen.
Zumal die Ausgangslage nur wenig Spielraum bietet: Ben Richards hat ein Aggressionsproblem, kämpft mit seiner Frau ums gesellschaftliche Überleben und kann nicht einmal die lebensrettenden Medikamente für seine Tochter bezahlen. Diese Situation treibt ihn in die Abwärtsspirale und dazu, weiter Opfer des Systems zu werden – durch die Teilnahme am Running Man. Wright macht daraus Mainstream-Kino, das im ersten Akt ordentlich aufs Gas geht, dabei aber Charaktertiefe, offen ausgespielte Kritik und gesellschaftliche Zwischentöne zugunsten der hauchdünnen Handlung vernachlässigt. Richards hetzt – wie der Film selbst – durch eine Geschichte, die stellenweise zerfasert und dabei spürbar an kritischer Schärfe verliert.
Running like Tom Cruise
Abseits des Inhalts liefert The Running Man typisch wuchtige Wright-Inszenierung. Er präsentiert einen Glen Powell (Chad Powers, Twisters) in Höchstform: charismatisch, emotional und physisch aufgeladen. Näher an Jason Statham in Crank als an Ben Richards von ’87 dran, darf Powell vor allem eines: rennen – und das in bester Tom-Cruise-Manier. Er rennt, flüchtet und kämpft sich durch den Film. Erhält Verbündete, die den Film spürbar aufwerten. Michael Cera, William H. Macy und Daniel Ezra sind mehr als bloße Stichwortgeber und erhalten genug Raum, um ihren Figuren Gewicht zu verleihen.
Ihre Auftritte – ebenso wie die von Colman Domingo (Sing, Sing) und Josh Brolin (Avengers: Endgame), die mit sichtbarer Freude gierige Schurken spielen – sind zwar zeitlich begrenzt, aber klug im Erzählfluss platziert, sodass selbst in ruhigeren oder zähen Passagen kaum Drive verloren geht. Powell wird dabei konstant gefordert und nutzt jede Filmminute: Er muss sich in beachtenswert choreografierten Fights behaupten und liefert dabei überzeugendes Schauspiel. Wright inszeniert ihn in aufwendig arrangierten Actionszenen, die trotz Scale und gelegentlicher Unübersichtlichkeit stimmig bleiben. Praktische Effekte, große Stunts, körnige Bilder und spürbarer Effektaufwand verschmelzen hierbei zu einem Action-Exzess, der sowohl handwerklich souverän als auch visuell versiert wirkt.
Scheitern – auf höchstem Niveau
Edgar Wright liefert mit seinem neuesten Beitrag den schwächsten Film seiner Vita, schafft aber dennoch ein Vorzeigebeispiel für gelungenes Mainstream-Kino. The Running Man zieht sich trotz aller Schauwerte etwas länger, als seine Laufzeit vermuten lässt, füllt diese Zeit jedoch mit eindrucksvollen Highlights – gemacht für die große Leinwand. Ein starker Cast, blasse Schurken und ereignisreiche Actionszenen halten das Publikum bei Laune, das gebannt Glen Powell beim Überleben zuschaut.
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Unser Fazit zu The Running Man
Der Film lebt von den typischen Qualitäten seines Regisseur, auch wenn das Quellenmaterial dem Verlauf einige austauschbare, vermutlich auch Studio-beeinflußte Momente aufzwingt. Dennoch bleibt der Actionthriller The Running Man kompromisslos, mit einer ordentlichen Portion Härte versehen und hält dank seiner spektakulären Inszenierung das Adrenalin permanent am Anschlag.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“
