Nach dem farbenprächtigen Erfolg des ersten „Wicked“-Films vor gut einem Jahr wagt sich die Fortsetzung nun spürbar in düsterere Regionen. Was zuvor wie ein glitzerndes Musical-Märchen funktionierte, bricht Wicked: Teil 2 bewusst auf, um politischere und emotional komplexere Ebenen freizulegen. Doch gelingt es diesem Finale, die neue Ernsthaftigkeit mit der Magie und dem Zauber seines Vorgängers zu vereinen?
Darum geht’s in Wicked: Teil 2
Wicked: Teil 2 ist das abschließende Kapitel der unerzählten Geschichte der Hexen von Oz. Elphaba und Glinda haben sich entzweit und müssen nun mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen leben. Elphaba, die inzwischen als Böse Hexe des Westens verteufelt wird, lebt im Exil in den Wäldern, wo sie ihren Kampf für die Freiheit der zum Schweigen gezwungenen Tiere fortführt. Verzweifelt versucht sie, die Wahrheit über den Zauberer ans Licht zu bringen. Unterdessen ist Glinda für ganz Oz zum strahlenden Symbol des Guten geworden. Sie lebt im Palast in der Smaragdstadt und schwelgt in den Annehmlichkeiten von Ruhm und Ansehen. Auf Anweisung von Madame Akaber dient Glinda als schillernde Trostspenderin, die den Bewohnern von Oz versichern soll, dass unter der Herrschaft des Zauberers alles zum Besten steht.
Zwar wächst Glindas Ruhm immer weiter und die spektakuläre Hochzeit mit Prinz Fiyero steht unmittelbar bevor, doch noch immer leidet sie unter der Trennung von Elphaba. Obwohl sie sich bemüht, eine Versöhnung zwischen Elphaba und dem Zauberer herbeizuführen, entfernen sich die beiden Freundinnen nur noch mehr voneinander. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf Moq und Fiyero, sondern gefährdet auch die Sicherheit von Elphabas Schwester Nessarose – und plötzlich kommt auch noch ein Mädchen aus Kansas ins Spiel.
Als sich ein wütender Mob gegen die vermeintlich Böse Hexe erhebt, müssen Glinda und Elphaba ein letztes Mal zusammenfinden. Ihre außergewöhnliche Freundschaft ist der Schlüssel zu ihrem Schicksal, und es bleibt ihnen nur, einander in schonungsloser Ehrlichkeit und tiefem Mitgefühl zu begegnen, um sich selbst und ganz Oz zum Guten zu verändern.
Ein untypischer (Musical)Einstieg
Wer sich an die Eröffnungsszene aus Wicked: Teil 1 erinnern möchte, ist in dem neuen Film auf dem Holzweg. Denn Wicked: Teil 2 beginnt mit einem Bild, das sich auf andere Weise einprägt: dem Bau der Gelben Backsteinstraße. Aber statt märchenhafter Leichtigkeit sehen wir harte, ausbeuterische Arbeit – ein erster Hinweis darauf, dass Wicked: Teil 2 eine sichtbar dunklere Welt betritt. Was im ersten Teil noch wie ein schillerndes Musicalmärchen wirkte, verwandelt sich nun in einen Spiegel politischer Manipulation, moralischer Täuschungen und persönlicher Zerreißproben. Jon M. Chu führt die Reise konsequent dort fort, wo der erste Film endete – und tut dies mit einer Ernsthaftigkeit, die überrascht und beeindruckt.
Zerrissene Freundschaft und ein Reich im Ausnahmezustand
Die Wege der beiden einst unzertrennlichen Freundinnen sind nun klar getrennt: Elphaba, als „Böse Hexe des Westens“ abgestempelt, lebt im Untergrund und kämpft verbissen gegen das Regime des Zauberers. Glinda dagegen wird zum öffentlichen Aushängeschild der Ordnung – zur perfekten Heldin, die die Bevölkerung beruhigen soll, während hinter den Kulissen längst die Fäden gezogen werden.
Elphabas Angriffe auf die Infrastruktur des Zauberers wirken wie verzweifelte Hilferufe einer Frau, die sich treu bleibt, auch wenn die Welt sie verraten hat. Glinda hingegen glänzt in einer Blase aus rosa Propaganda, in der jeder ihrer Schritte choreografiert scheint. Doch die Fassade bekommt Risse: Die Wahrheit, die Elphaba schon lange erkennt, drängt sich nun auch Glinda auf – durch erste Zweifel, moralische Kollisionen und einen wachsenden inneren Konflikt.
Währenddessen spitzt sich die Lage in Oz weiter zu. Ein wütender Mob formiert sich, und Nessarose gerät in eine Gefahr, die Elphaba zurück aus dem Schatten zwingt. Das Ensemble aus Vogelscheuche, Blechmann und feigem Löwen wird sinnvoll in die Handlung integriert – nüchtern, ohne Nostalgie, und mit klarer Funktion: Sie markieren das Ende einer unschuldigen Welt.
Politik, Propaganda und der Preis der Wahrheit
Wicked: Teil 2 entzieht sich scheinbar bewusst der Idee eines reinen Fantasy-Musicals. Stattdessen arbeitet der Film mit starken politischen Parallelen – und unternimmt keinen Versuch, diese auch nur annähernd zu verbergen. Die Unterdrückung der Tiere aus dem ersten Teil, die strikte Kontrolle über die Munchkins und die Bildsprache der Propaganda-Plakate sind keine subtilen Andeutungen mehr. Sie erinnern unverkennbar an reale totalitäre Systeme – einschließlich ihrer Mechanismen der Angst, Simplifizierung und künstlich erzeugten Feindbilder.
Elphaba wird zur Projektionsfläche all jener, die unbequem sind, die zu viel hinterfragen, die nicht in die strahlende Erzählung passen. Glinda dagegen symbolisiert die freiwillige Mitläuferin im perfekten Kleid, gefangen in einer Rolle, die glänzt, aber nicht trägt. Ein starker Moment zeigt dies besonders eindringlich: Glinda, eingehüllt in eine rosafarbene Blase, schwebt über den Menschen – ein ironisches Bild ihrer eigenen Blindheit und zugleich ihrer Hoffnung, irgendwann zu verstehen.
Andererseits ist es gerade die Figur der Elphaba die wiederum die moralische Konstante des Films bleibt. Ihre Versuche, die Tiere zum Bleiben zu überreden, entfalten eine emotionale Wucht, gerade weil sie selbst längst weiß, wie mühsam und schmerzhaft dieser Kampf ist. Wer hier nur Fantasy sieht, verpasst die politische Botschaft: Wicked: Teil 2 zeigt, wie Macht Narrative formt – und wie schnell Menschen bereit sind, an bequeme Lügen zu glauben.
Schauspiel, Musik und die Macht einer Freundschaft
Cynthia Erivo und Ariana Grande tragen den Film mit einer Chemie, die in der zweiten Hälfte noch stärker wirkt als im ersten Teil. Erivo spielt Elphaba mit stoischer Kraft und gebrochener Zärtlichkeit – eine Frau, die nie aufhört zu kämpfen, auch wenn sie niemand mehr sieht. Grande dagegen entfaltet eine erstaunliche emotionale Tiefe: Ihr Glinda-Wandel, von der glitzernden Naivität bis zur bitteren Erkenntnis, gehört zu den stärksten Elementen des Films.
Auch die Nebenrollen profitieren, gemessen am ersten Teil, vom ernsteren Ton: Jonathan Bailey, Jeff Goldblum und Michelle Yeoh verleihen ihren Figuren Gewicht, ohne den Fokus zu verwässern. Die musikalische Gestaltung bleibt ein Highlight des gesamten Projekts. Während die mitreißendste Nummer „Defying Gravity“ bereits in Teil 1 gesetzt wurde, tragen neue Songs wie „No Place Like Home“ oder „The Girl in the Bubble“ die emotionalen Wendungen subtil und wirkungsvoll.
Der Film verliert nur selten an Energie. Wenn überhaupt, dann liegt dies an jenen Momenten, in denen Wicked: Teil 2 zu viel erklären möchte: die Herkunft des Wirbelsturms, die Entstehung der ikonischen Schuhe, die Hintergrundgeschichten alter Bekannter. Es ist verständlich, dass der Film erzählerische Brücken schließen will – doch nicht jede dieser Antworten ist notwendig oder dramaturgisch lohnend. Und leider tragen diese Momente auch dazu bei, dass ab und an gewisse Längen entstehen.
© Universal Pictures Germany
Unser Fazit zu Wicked: Teil 2
Wicked: Teil 2 überzeugt als kraftvolles, bildgewaltiges Finale, das vor allem durch Jon M. Chus präzise Regie, die atmosphärisch dichte Musik von Stephen Schwartz und ein herausragendes Kostümdesign glänzt. Cynthia Erivo und Ariana Grande tragen den Film mit gewohnt beeindruckender Präsenz, emotionaler Tiefe und einer Chemie, die jede Szene aufwertet.
Trotz dieser Stärken gönnt sich das Finale hier und da unnötige Längen und setzt gelegentlich auf politische Untertöne, die nicht immer subtil bleiben und dadurch etwas an Leichtigkeit kosten. Doch unterm Strich bleibt ein mutiger, aufwendig inszenierter Abschluss, der seine Welt ernst nimmt, seine Figuren respektiert und die Magie des Musicals mit einem eindrucksvollen Schlussakkord bewahrt.
Wicked: Teil 2 startet am 20. November 2025 in den deutschen Kinos
Pascal, Jahrgang 1998, lebt an der malerischen Nordsee und ist seit Ende 2024 Teil von Filmtoast. Er bringt dort seine Leidenschaft für Film und Serie ein – mit einem besonderen Fokus auf die handwerklichen Aspekte: Schnitt, Ton, Musik und Schauspiel stehen für ihn im Zentrum der Betrachtung. Beruflich ist Pascal als Kaufmann in der (Tiefkühl-)Logistik tätig, wo Struktur und Präzision genauso zählen wie in der Welt des Films. Serien wie House of Cards, The Morning Show und Infiltration gehören zu seinen Favoriten, während sein Filmspektrum von Blockbustern wie Inception und Star Wars bis hin zu Arthouse- und Independent-Produktionen reicht. Besonders beeindruckt hat ihn 1917, insbesondere in Bezug auf Schnitt und Kameraarbeit. Und wenn es um Soundtracks geht, steht für Pascal Hans Zimmer – allen voran mit seiner Komposition für Interstellar – ganz oben auf der Liste.

