Wicked entführt uns mit einer Mischung aus beeindruckenden Effekten, mitreißender Musik und großen Themen wie Identität, Freundschaft und Vorurteilen in die fantastische Welt von Oz. Doch reicht all das, um das Filmjahr mit einem Highlight abzurunden?
Wicked – Die offizielle Handlungsangabe
Wicked erzählt die bislang unbekannte Geschichte der Hexen von Oz. Im Mittelpunkt stehen zwei junge Frauen: Zum einen Elphaba (gespielt von Emmy-, Grammy- und Tony-Preisträgerin Cynthia Erivo, Harriet – Der Weg in die Freiheit, Broadway-Stück Die Farbe Lila), die aufgrund ihrer ungewöhnlichen grünen Hautfarbe missverstanden wird und ihre wahren Fähigkeiten erst noch entdecken muss, zum anderen die beliebte, ehrgeizige und privilegierte Glinda (gespielt von Weltstar und Multi-Platin- und Grammy-Gewinnerin Ariana Grande), die ihr wahres Ich noch finden muss. Die beiden treffen sich als Studentinnen an der Universität Glizz im fantastischen Land Oz und schließen eine ungewöhnliche, aber tiefe Freundschaft miteinander.
Nach einer Begegnung mit dem wundervollen Zauberer von Oz gelangt ihre Beziehung an einen Wendepunkt, und die Lebenswege der beiden Freundinnen verlaufen höchst unterschiedlich. Glindas unbeirrbarer Wunsch nach Beliebtheit verführt sie zur Macht, während Elphabas Entschlossenheit, sich selbst und den Menschen in ihrer Umgebung treu zu bleiben, unerwartete und schockierende Folgen für ihre Zukunft haben wird. In ihren unglaublichen Abenteuern in Oz müssen schließlich beide ihre Bestimmungen erfüllen: Glinda als die Gute und Elphaba als böse Hexe des Westens.
Keiner weint um Hexen in der Welt von Oz
Gleich zu Beginn setzt ein kraftvolles musikalisches Stück die Tonalität von Wicked. In der imposanten Eröffnungssequenz stimmen die Bürger von Oz in das Lied „No One Mourns the Wicked“ (zu deutsch: Keiner weint um Hexen) ein – eine scharfe, fast höhnische Hymne, die den Tod von Elphaba, der „bösen Hexe“, feiert. Die Liedzeile „Keiner weint um Hexen“ wiederholt sich wie ein Mantra und setzt die Marschroute für die Handlung: Hier geht es nicht um Gnade, sondern um Vorurteile, Ausgrenzung und die Schwierigkeit, gegen ein festgefahrenes Bild und Vorurteile anzukämpfen. Eine auch heute noch ziemlich alltägliche Situation – die sicher der ein oder andere Leser selbst schon einmal erlebt hat.
Das Lied fungiert zudem als narrative Ouvertüre und emotionaler Startpunkt. Es etabliert nicht nur die Welt von Oz, sondern auch die zentrale Konfliktlinie der Geschichte. Die Bewohner feiern hier den Tod der Hexe Elphaba. Und das mit einer unerbittlichen Fröhlichkeit, die keine Zweifel zulässt: Hexen sind böse, Punkt. Dass diese vermeintliche Wahrheit hinterfragt wird, deutet sich jedoch schon in den ersten Reaktionen von Glinda, der „guten Hexe“, an. Während die Masse in die schmetternden Zeilen einstimmt, zeigt Glinda eine Mischung aus Wehmut und Schuldgefühlen. Hierzu passt, dass Glinda die Seifenblase, in der sie singt, selbst zum Platzen bringt.
Doppeldeutigkeit von Takt eins an
Wer jetzt denkt, die Botschaft des Liedes sei doppeldeutig, liegt richtig. Einerseits treibt es die Handlung voran, indem es die kollektive Ablehnung gegenüber Elphaba – und Hexen im Allgemeinen – unmissverständlich klar macht. Andererseits wirft es moralische Fragen auf: Warum akzeptieren die Menschen diese simple Schwarz-Weiß-Malerei so bereitwillig? Was sagt das über eine Gesellschaft aus, die Andersartige so konsequent verteufelt? Diese erste große Nummer wird zur Leitlinie des Films: Wicked erzählt nicht nur, warum „keiner um Hexen weint“, sondern enthüllt, wie schnell vermeintliche Wahrheiten zur Grundlage von Vorurteilen und Ungerechtigkeiten werden können. In nur wenigen Minuten hat der Song die Bühne für ein vielschichtiges Drama bereitet, in dem nichts so ist, wie es zunächst scheint. Erst nach dem Lied gibt es die Information, dass wir uns nun in Part 1 befinden. Wir starten in den Film und die Vorgeschichte zum Tod von Elphaba.
Die Welt erblüht in magischen Farben
Die beeindruckende Kulisse von Oz und die farbenfrohen, detailreichen Kostüme lassen das magische Land lebendig werden. Die ikonischen Figuren werden in Wicked neu beleuchtet: von Elphabas tragischer Herkunft über Glindas Wandel bis hin zu den politischen und gesellschaftlichen Spannungen, die den Zauberer von Oz (Jeff Goldblum) in ein kritisches Licht rücken. Es bleibt beim Betrachten des Films nicht aus, die von Regisseur Jon M. Chu bewusst inszenierten Parallelen in unsere heutige Zeit zu erkennen. Besonders die Inszenierung der zentralen Konflikte und Beziehungen – etwa zwischen Elphaba, Glinda und der Dekanin Madame Akaber (Michelle Yeoh) – sorgt für emotionale Tiefe. Hinzu kommt ein mitreißender Soundtrack, der von balladenhaften Highlights bis zu kraftvollen Ensemble-Nummern reicht und so die Geschichte musikalisch bis zum Ende trägt.

Der Schritt von Bühne zu Leinwand kann doch gelingen
Sind wir mal ehrlich: wenn Musiker:innen in der jüngsten Vergangenheit Bühne gegen Filmset tauschten, sorgte das nicht immer für Begeisterung. Ein aktuelles (Negativ-)Beispiel ist da etwa Lady Gaga in Joker 2 als Harley Quinn. Doch in Wicked glänzt die gewählte Besetzung, Ariana Grande spielt in der Adaption überraschend gut auf. Sie bringt die quirlige Leichtigkeit ihrer Figur auf den Punkt, lässt uns an der Entwicklung des Charakters teilhaben und das Publikum die innere Zerrissenheit spüren. Dass ihr Lächeln die Betrachter:innen gleich in ihren Bann zieht, ist dann nur noch Nebensache.
Vergessen sollten man aber auch nicht Cynthia Erivo als Elphaba. Sie verleiht der missverstandenen Hexe eine faszinierende Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke. So spielt Erivo hier als eine absolut ebenbürtige Schauspielkollegin an der Seite von Ariana Grande. Die Verletzlichkeit über die Ausgrenzung, das Gefühl, nicht dazu zu gehören, bringt sie besonders emotional auf den Punkt. Auch sind es Szenen wie mit dem tierischen Professor und ein Gespräch über Mohnblumen, welche die Herzen erreichen.
Vergessen darf man aber an dieser Stelle nicht die ebenso starke Besetzung der Nebenrollen: Goldblum glänzt, wie gewohnt, als manipulativer Zauberer von Oz und Yeoh als strenge Dekanin der Glizz-Universität. Jonathan Bailey (Bridgerton) verkörpert Fiyero, den charmanten Prinzen, der zwischen Elphaba und Glinda steht, während Ethan Slater als der treue Manschkin Boq und Marissa Bode als Elphabas unsichere Schwester Nessarose ebenfalls wichtige Rollen tragen.
© Universal Studios
Unser Fazit zu Wicked
Wicked gelingt es, die magische Welt von Oz mit spektakulären Bildern, Choreografien und einer berührenden Geschichte neu zu erfinden. Die Mischung aus leichter gesellschaftlicher Satire, emotionalem Drama und musikalischem Spektakel, hebt den Film aus der Masse der Fantasy-Blockbuster heraus. Es ist zudem ein audiovisuelles Erlebnis, das sowohl Fans des Bühnenmusicals als auch Neueinsteiger begeistern dürfte. Die Chancen auf einige der begehrten Goldjungen bei der nächsten Preisverleihung stehen definitiv nicht schlecht. Und schon jetzt steigt die Lust auf den (Stand heute) 2025 erscheinenden Part 2.
Pascal, Jahrgang 1998, lebt an der malerischen Nordsee und ist seit Ende 2024 Teil von Filmtoast. Er bringt dort seine Leidenschaft für Film und Serie ein – mit einem besonderen Fokus auf die handwerklichen Aspekte: Schnitt, Ton, Musik und Schauspiel stehen für ihn im Zentrum der Betrachtung. Beruflich ist Pascal als Kaufmann in der (Tiefkühl-)Logistik tätig, wo Struktur und Präzision genauso zählen wie in der Welt des Films. Serien wie House of Cards, The Morning Show und Infiltration gehören zu seinen Favoriten, während sein Filmspektrum von Blockbustern wie Inception und Star Wars bis hin zu Arthouse- und Independent-Produktionen reicht. Besonders beeindruckt hat ihn 1917, insbesondere in Bezug auf Schnitt und Kameraarbeit. Und wenn es um Soundtracks geht, steht für Pascal Hans Zimmer – allen voran mit seiner Komposition für Interstellar – ganz oben auf der Liste.

