Geht es nach den IMDb-Bewertungen, dann hat Vince Gilligan zwei der besten Serien aller Zeiten erfunden. Nun gibt es endlich neues vom Schöpfer von Breaking Bad und Better Caul Saul: Pluribus bei Apple TV+! Ein weiterer Geniestreich oder ist dem Macher die Glückssträhne gerissen?
Darum geht’s in Pluribus
Carol Sturka (Rhea Seehorn) ist eine ziemlich erfolgreiche Romanautorin. Eines Tages bricht jedoch ihre Welt entzwei als sich nach einem mysteriösen Ereignisse alle Menschen – bis auf sie und ein Dutzend andere – wie ein fremdgesteuertes Kollektiv zu verhalten beginnen. Daraufhin liegt es in der Hand von Carol, die alte Normalität wiederherzustellen, denn die gleichermaßen „Auserwählten“ scheinen mit der neuen Welt gar nicht so unzufrieden zu sein…
Die unglücklichste Person der Welt muss die Welt vor dem Glück retten.

Ein seltenes Exemplar bei Apple TV+
Die ganze Promo im Vorfeld ließen schon mit voller Absicht die Spekulationen ins Kraut schießen, um was es in der neuen Gilligan-Show denn nun gehen wird. Lange Zeit wusste man tatsächlich nur von einer ominösen und viel- und gleichzeitig nichtssagenden Tagline und von der Hauptdarstellerin, Rhea Seehorn, die sich in Better Call Saul so sehr in Gilligans Herz gespielt hat, dass er sie direkt ins neue Projekt mit rüber genommen hat. Für Apple TV+ ist diese Form der Informationspolitik – und auch die Wahl des Stoffes – eine ziemliche Ausnahme, setzt doch der iPhone-Konzern zu einem großen Teil seiner Streaming-Strategie wahlweise auf adaptierbare Bestseller, realhistorische Begebenheiten oder High-Concept-Pitches von Filmemachern, bei denen man weiß, was man bekommt. Genauso wie beim Perfektionismus in der Hardware-Produktpalette überlassen Tim Cooks Streaming-Verantwortliche kaum etwas unsicheren Variablen – dem Zufall schon gar nicht.
Umso mehr muss die Macher aber der Pitch des Breaking Bad-Creators Vince Gilligan nun überzeugt haben, wenn man Pluribus schon vor dem Start direkt die zweite Staffel durchwinkt. Ähnlich nebulös hielt man sich beim Techkonzern lediglich mit Information zu Severance einst vor dem Start zurück – und das ist hoffentlich nun auch für diese schwer einzuordnende Sci-Fi-Mysterybox-Thrillerserie mit reichlich Gilligan typischem schwarzen Humor ein gutes Zeichen.
Da nun aber das Spiel mit dem Unwissen ein ganz bewusstes Element hier für den marketingtechnischen Spannungsaufbau war, ist ein Stück weit auch im Rahmen dieser Besprechung die Carol- ääh Gretchenfrage, wie viel hier überhaupt auf den Inhalt eingegangen werden kann, ohne schon zu viel zu verraten. Ich würde daher allen raten, die ein möglichst unvoreingenommenes Seherlebnis haben wollen, hier nun nicht vor dem Schauen weiterzulesen, wobei selbstredend von größeren Spoilern weiterhin abgesehen wird.
Ein absolut wilder Mix für Streaming-Deep Diver
Es gibt Geschichten, da kann man sich selbst als Vielschauer nicht vorstellen, wie die Autoren diese ihren Geldgebern gepitched haben. Müsste ich Pluribus mit Referenzen zu anderen bekannten Formaten beschreiben, würde ich die Serie als Mischung aus The Leftovers, Shaun of the Dead und dem ersten Kingsman-Teil mit dem Borg-Element aus Star Trek, einer Variation der Ausgangslage von Argylle und der absoluten Unberechenbarkeit der Damon Lindeloff-Serie Mrs. Davis pitchen. Spätestens jetzt sollte allen klar sein, dass dies hier kein Format ist, das sich irgendwie rastern lassen will – und damit auch nichts für Gelegenheitsgucker, sondern für diejenigen, die wie einst bei Lost oder Game of Thrones nach jeder Folge direkt in diversen Diskussionsgruppen in die Nachbereitung und Spekulation gehen wollen.
Nachdem nun hier schon mehrere Absätze um die konkrete Serie herumgetänzelt worden ist, soll es jetzt doch mal hinein in die Geschichte und die Inszenierung gehen. Was ist also die Essenz von Pluribus – soweit sich dies nach einigen Folgen sagen lässt? Grundsätzlich fühlt sich diese neue Serie an, wie ein kafkaeskes Gedankenspiel: zwar wird sogar in Teilen sehr expositionell dargelegt, was in den jeweiligen Momenten passiert, aber das Warum und die tiefere Bedeutung muss man sich schrittweise selbst erschließen – genau, wie auch Carol hier die Welt mit ihren neuen Gesetzmäßigkeiten nach dem mysteriösen Ereignis kennenlernt.
Willkommen im (Alb)traum
Diese Entdeckungsreise ist immer wieder geprägt von wahnsinnig skurrilen Situationen, wenn beispielsweise Carols Wünsche – man denkt an Die nackte Kanone – wörtlich erfüllt werden. Eine Granate? Bitteschön! Einen leeren Supermarkt schnell wieder füllen? Wie Sie wünschen! Eine Atombombe? Wenn Sie es so wollen…! Die zynische, fast schon verbitterte Autorin ist mysteriöserweise eine der letzten selbstdenkenden Individuen, denen das Kollektiv nun dienend zur Verfügung steht.
Was klingt, wie eine wahr gewordene Kinderfantasie, wie eine Art Dschinn aus der Wunderlampe, ist jedoch alles andere als das Paradies auf Erden für unsere Protagonistin, die schnell beschließt, die alte Wirklichkeit irgendwie reaktivieren zu wollen – und dafür braucht es kreative Ansätze, um die intelligente kollektive Masse auszutricksen…
Es gab ja schon des Öfteren Serien und Filme, in denen Einzelpersonen oder Minigruppen als einzig verbliebene Menschen auf Erden mit diesem Umstand umgehen mussten. Mal in Form von Endzeit-Zombie-Thriller à la I am Legend, mal in etwas melancholischer Pilz-Zombie-Form wie in The Last of Us, mal aus der Perspektive eines Statthalters in der Arktis in The Midnight Sky oder mit humoristischem Anstrich, wo die Prämisse schon im Titel steckte, in der Comicverfilmung The Last Man on Earth. Diese Reihe ließe sich problemlos fortsetzen – und wird nun durch Pluribus um eine weitere, allerdings in vielen Belangen andersartige Herangehensweisen ergänzt. Denn Vince Gilligan stellt in diesem Zusammenhang neue Fragen, die eigentlich profan auf der Hand liegen.
Eine preisverdächtige One-Woman-Show
Wobei eigentlich ja nicht Gilligan diese Fragen stellt, sondern stellvertretend seine Protagonistin Carol, die von der sensationellen Rhea Seehorn gespielt wird, als hätte diese Rolle nur auf sie gewartet – vielleicht hat sie das ja auch. Es ist in dieser Art von personalreduzierten Geschichten wichtiger als ohnehin in jedem Erzählformat, dass man sich mit den Akteuren identifizieren kann, ihre Vorgehensweise logisch nachvollziehen, ihre Gefühle mitfühlen kann. Das gelingt hier über aller Maßen, weil Seehorn zwar eine schroffe, aber doch ad hoc liebenswerte Person verkörpert, der man von Beginn an eigentlich nur alles Gute wünscht.
Die weiteren Darstellenden sind zwar teils nur für wenige Minuten von der Partie, aber da hier auch die Castingabteilung ein gutes Händchen hatte, bleiben selbst kürzeste Auftritte im Gedächtnis. Karolina Wydra und Samba Schutte sind dabei besonders bemerkenswert. Trotzdem ist Pluribus eine ziemliche Soloshow der Schauspielerin, die bereits in Better Call Saul der eigentliche Star war, nun hiermit komplett ins Rampenlicht gestellt wird – und dieses mit Bravour zu nutzen weiß.

Keine Serie für Tempofreunde
Bei so viel Lob muss nun allerdings doch noch ein kleines Aber folgen: Da die Serie über weite Strecken in menschenentleerten Szenerien spielt und sich die Handlungsträgerin selten von Hektik übermannen lässt, hat Pluribus immer wieder eine fast meditative Ruhe, auf die man sich schon einlassen wollen muss. Zwar gibt es auch rasantere, spannungsgeladene Thriller-Sequenzen, die fesselnd inszeniert wurden, aber auf die gesamte Laufzeit bezogen, gibt es doch ziemlich viele langgezogene Szenen, die einmal mehr der Detailverliebtheit Gilligans Ausdruck verleihen.
Doch in dieser Langsamkeit liegt wiederum der Vorteil, dass die zum Teil malerischen Kamerabilder länger Zeit haben, um aufs Publikum zu wirken. Seien es Luftaufnahmen, fast schon symmetrische Anordnungen von Gegenständen und Figuren im Bild oder verspielte Choreografien – für Ästheten ist diese Serie ein wahres Eldorado.
Wohin das Ganze wohl führt?
Aufgelockert wird die One-Woman-Show immer wieder mit Nebenhandlungssträngen, die zum Teil parallel angesiedelt sind, zum Teil aber auch Rückblicke darstellen, wobei sich manchmal die zeitliche Verortung gar nicht so leicht einzustellen vermag. Immerhin gibt es einen ominösen Countdown bzw. Countup, der ein weiteres Mysterium in Pluribus implementiert.
Vieles, was man gezeigt bekommt, ergibt erst im Kontext und weiteren Verlauf Sinn – vielleicht sogar erst in der schon bestellten zweiten Staffel, vielleicht sogar nie, wie es nun mal bei derartigen Mystery-Box-Shows üblich ist. Doch bisweilen macht das Rätseln sehr viel Spaß!
P.S.: Es gibt einige wirklich fantastische und komplett unerwartete Cameos, die noch die Kirsche auf der Sahne sind. Da diese natürlich nicht verraten werden, habt ihr nun noch einen Grund mehr, dranzubleiben 😉
© Apple TV+
Unser Fazit zu Pluribus - Staffel 1
Pluribus ist anders - und damit genau das, was man als Fan von Vince Gilligan erwartet. Eine schräge Sci-Fi-Dramedy, eine Glanzvorstellung von Rhea Seehorn und ein extrem ambivalentes Gedankenexperiment, das fordert und zugleich unterhält. Man muss sich jedoch auf das Pacing und die Rätselhaftigkeit einlassen, weswegen diese Serie nichts für Zwischendurch ist.
Pluribus startet mit den ersten zwei Folgen am 9. November 2025 bei Apple TV+. Eine zweite Staffel wurde bereits im Vorfeld bestellt.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

