Das ewige Herumreiten, Anschleichen und Am-Marterpfahl-Stehen kann selbst die zähesten Westernhelden mürbe machen. Kein Wunder, dass Abahachi und Ranger erst einmal den Schuh des Manitu auszogen und sich eine wohlverdiente Auszeit gönnten. Pünktlich zu ihrer Silber-Blutsbrüderschaft kapern sie nun Das Kanu des Manitu und paddeln zurück in die Lichtspielhäuser. Erreichen sie damit neue Ufer oder treiben sie unweigerlich den ewigen Jagdgründen entgegen?
Um was geht’s in Das Kanu des Manitu?
Abahachi, der Häuptling der Apachen (Michael Bully Herbig), und sein weißer Blutsbruder Ranger (Christian Tramitz) kämpfen unermüdlich für Frieden und Gerechtigkeit – doch eine neue, aufstrebende Bande macht ihnen das Leben besonders schwer! Sie locken Abahachi und Ranger in eine Falle, um an das sagenumwobene „Kanu des Manitu“ zu gelangen. Erst in letzter Sekunde können sie von ihrem treuen Weggefährten, dem liebenswerten Griechen Dimitri (Rick Kavanian), und seiner neuen Fachkraft Mary (Jasmin Schwiers) gerettet werden. Doch wie sich herausstellt, war das alles Teil eines großen Plans und auch erst der Anfang. Mit vereinten Kräften (und allerlei Meinungsverschiedenheiten und Missverständnissen) stürzen sich die Helden in ihr größtes Abenteuer – und finden überraschende Antworten auf die allerwichtigsten Fragen des Lebens!

Once upon a Time in the West
Wenn man sich die Komödienlandschaft in Deutschland anschaut, gibt es allen Grund, mit der Gesamtsituation unzufrieden zu sein. Verirrte sich in den letzten Jahren doch einmal eine deutsche Komödie auf die Kinoleinwand, handelte es sich meist um qualitativ eher mäßige Werke wie Liebesdings oder Chantal im Märchenland. Als dann auch noch Michael Bully Herbig seine Rückkehr zu seinem größten Erfolg ankündigte, sahen viele bereits die kulturelle Apokalypse heraufziehen. Doch wie schon bei seinem ersten Streich beweist Bully ein Händchen für den Zeitgeist – oder hat einfach nur Glück. Angesichts der schwierigen Weltlage suchen viele jenen Hauch von Unbeschwertheit, den sie aus vermeintlich besseren Zeiten kennen.
Nostalgie ist nach wie vor voll im Trend und die Filmindustrie kommt diesem Wunsch mit einer Flut an Legacy-Sequels nach – angesichts des großen Erfolges erübrigt sich auch die oft gestellte Frage nach deren Notwendigkeit. Die Zeit für eine Manitu-Fortsetzung könnte also kaum besser sein, da die Nostalgiewelle nun auch mit voller Wucht den Komödiensektor erreicht. Allein im August starten neben Das Kanu des Manitu auch Fortsetzungen von Happy Gilmore (1996), Freaky Friday (2003) sowie eine Neuauflage von Die nackte Kanone (1988). Hinzu kommt Bullys großer Erfolg mit dem Format LOL, der ihn zurück ins Gedächtnis jener rief, die er mit seinen ernsten Werken – Ballon und 1000 Zeilen – nicht erreichen konnte. Kein Wunder also, dass sich die Skepsis gegenüber der Fortsetzung langsam, aber sicher in Vorfreude verwandelte und solange man einfach nur in der Vergangenheit schwelgen möchte, kann man sie ruhig beibehalten – Texas ist offenbar doch ein Land für alte Menschen.
Der weiße Mann ist müde
Im Westen gibt es bekanntlich nichts Neues – das liegt jedoch nur teilweise am fehlenden Überraschungseffekt, der einer Fortsetzung nun einmal innewohnt. Bully möchte seiner Retro-Fangemeinde nicht auf die Mokassins treten. Er erfüllt brav den Wunsch nach Vergangenem und verweigert sich konsequent neuen Akzenten. Wenn man jedoch nur altbekannte Gags am Lagerfeuer aufwärmt und kaum frische Ideen einbringt, ist das beim zweiten Mal eben nur halb so lustig – vor allem, wenn nicht einmal der Versuch unternommen wird, mit den Erwartungshaltungen des Publikums zu spielen.
Selbst seine „neuen“ Ideen wirken altbacken: Ein Postkutschenüberfall erinnert an den Bankraub aus dem ersten Otto-Film, der Lokomotivführer heißt erwartungsgemäß Lukas, und wenn eine Venus von Milo mit zwei Armen gezeigt wird, erahnen nicht nur Kunstkenner ihr Schicksal. Älteren Zuschauer:innen entlockt das vielleicht ein mildes Lächeln, jüngeren hingegen bleiben viele dieser Anspielungen aufgrund fehlender Vorkenntnisse verborgen.

Vor 25 Jahren gelang es Herbig noch mühelos, aus einem nostalgischen Thema generationsübergreifenden Humor zu erschaffen. Heute gesellt sich zur fehlenden Frische noch eine gewisse Altersmilde oder Sturheit – je nach Sichtweise. Bully lässt nahezu jede Gelegenheit für Meta-Kommentare verstreichen, die sich bei Setting und Story förmlich aufdrängen würden: Die Geschichte um einen machthungrigen Ölbaron auf der Jagd nach einem Kanu, das Unsterblichkeit verleiht, wäre wie geschaffen für politische Spitzen und das Wild-West-Szenario böte reichlich Möglichkeiten für einen augenzwinkernden Blick auf aktuelle Wokeness-Debatten. Anstatt kreative Wege zu finden, Schubladendenken gegenüber Randgruppen humorvoll zu entlarven, legt er sich wahlweise selbst einen Maulkorb an oder befeuert dieses Denken.
Alternde Westernhelden zeigen es den jungen Wilden
Ähnlich schwach wie der Humor sind auch die Greenhorns auf der Rumba Ranch. Bully versucht erst gar nicht, Jessica Schwarz und ihrer Bande einen vergleichbaren Auftritt zu verpassen wie Santa Marias Gang. Während John, Hombre & Co. ohne markante äußerliche Merkmale im Gedächtnis blieben, werden die neuen Bösewichte auf genau diese reduziert, damit man sie überhaupt unterscheiden kann. Ihre Anführerin hat nicht annähernd das Charisma eines Sky DuMont. Das liegt nicht an ihrem darstellerischen Können, sondern am Desinteresse der Autoren an neuen Gegenspielern. Dasselbe Schicksal erleidet auch Friedrich Mücke als Sheriff. Bully versucht noch schuldbewusst, Merlin Sandmeyer– er spielt mal wieder eine Variante seines Charakters aus Die Discounter – in die Handlung einzubinden, doch gerade bei seinem Charakter wäre weniger mehr gewesen.

Die Bühne gehört ausnahmslos den Rückkehrern und wenn sie auftreten, nehmen sie die Leinwand gnadenlos ein. Stellt man ihnen dennoch eine neue Figur – wie die von Jasmin Schwiers gespielte Mary – dauerhaft zur Seite, wirkt diese immer ein wenig fehl am Platz. Die Präsenz von Tramitz, Herbig, Kavanian und Dumont ist nach wie vor so stark und ihr Zusammenspiel so perfekt getimt, dass es keinen Raum für weitere Platzhirsche lässt. Man könnte stundenlang zuhören, wenn Abahachi und Ranger wie ein altes Ehepaar streiten oder vor Ehrfurcht erstarren, während Santa Maria mal wieder zu Heavy-Metal-Musik in Zeitlupe aus einer Tür tritt. Einzig Rick Kavanians Charakteren – er spielt neben dem uns wohlbekannten Dimitri noch einen Deputy – hätte weniger Screentime gutgetan. Der Gag um ihre sprachlichen Eigenheiten erschöpft sich recht schnell.

Schön ist sie, die Prärie
Äußerlich gibt es dagegen gar nichts zu meckern. Das Kanu des Manitu zeigt sich in Sachen Produktionsdesign erneut auf internationalem Niveau. Die Bilder sind erste Sahne und die meisten Effekte tadellos. Da wundert es nicht, dass dies der erste deutsche Film im IMAX-Format ist. Bullys Regietalent zeigt sich jedoch nicht nur in den wunderschönen Bildern: Die Action ist gut choreographiert, aufwendig inszeniert und vor allem übersichtlich. Auch sein Händchen für Timing und Schauspielerführung – vorausgesetzt, er interessiert sich für die jeweilige Figur – ist grandios. Dies fällt besonders auf, wenn man sie mit den eher mittelmäßigen Leistungen seiner Stammdarsteller in anderen Produktionen vergleicht. Schade, dass er inhaltlich nicht auf dem gleichen Niveau agiert.
© herbX film/Constantin Film
Unser Fazit zu Das Kanu des Manitu
Das Kanu des Manitu ist so frisch wie ein Bier, das stundenlang auf der Theke eines prunkvoll eingerichteten Saloons stand. Nach einem langen Ritt in der heißen Texas-Sonne erfreut man sich daran, doch vor allem ruft es Erinnerungen an jenes frisch gezapfte Helle wach, das man hier vor Jahren einmal getrunken hat.
Das Kanu des Manitu treibt seit dem 14. August 25 im Kino.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.
