Fast sieben Jahre nach dem Zombie-Klamauk The Dead Don’t Die geht Jim Jarmusch „back to the roots“. Father Mother Sister Brother ist seine Rückkehr zum ruhigen Beobachtungskino. Hat der Meister des amerikanischen Indies den Bogen noch raus?
Father Mother Sister Brother – darum geht‘s
In drei voneinander getrennten Geschichten beleuchtet dieser Film Dynamiken zwischen Eltern und erwachsenen Kindern aus verschiedenen Perspektiven. Emily (Mayim Bialik) und Jeff (Adam Driver) besuchen ihren abgelegen wohnenden Vater (Tom Waits), der sich seit dem Tod der Mutter in seiner unaufgeräumten Wohnung isoliert hat. Eine strenge Mutter (Charlotte Rampling) empfängt ihre Töchter (Cate Blanchett und Vicky Krieps) zur alljährlichen Teestunde, an der beide nicht wirklich Spaß haben können. Schlussendlich räumen Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) die Wohnung der kürzlich verstorbenen Eltern aus und entdecken dort spannende Memorabilia an zwei längst vergangene Leben.

Ein Film wie kein Film
Niemand wirkte perplexer als Independent-Legende Jim Jarmusch, als sein neuestes Werk, ein unauffälliger Episodenfilm, von der Jury der Filmfestspiele von Venedig als Sieger verlesen wurde. Während Konkurrenten wie Park Chan-wooks meisterliche Sozialsatire No Other Choice oder der von der Kritik gefeierte Politthriller A House of Dynamite von Kathryn Bigelow leer ausgingen, durfte der amerikanische Regisseur die Bühne besteigen, um seine Dankesrede anzustimmen. Was mag sich hinter den Gläsern von Jarmuschs ikonischer Sonnenbrille abgespielt haben? Eine Rede auf den eigenen Triumph zu halten ist von Natur aus eine schwierige Aufgabe; noch schwieriger wird sie, wenn besagter Triumph offensichtlich eine Farce ist. Nicht nur handelt es sich bei Father Mother Sister Brother glasklar nicht um den besten Film der 82. Festivalausgabe. Nein, es dürfte wahrscheinlich unmöglich sein, im Wettbewerbsprogramm einen Beitrag zu finden, der diesen Preis weniger verdient gehabt hätte.
Man verstehe diese Aussage nicht falsch: Jarmuschs Neuling ist nicht miserabel. Er ist nicht einmal wirklich schlecht. Der Grund dafür ist allerdings, dass er viel zu wenig versucht, um überhaupt als schlecht abgestempelt zu werden. Dieses Machwerk, das euphemistisch wohl unaufgeregt, realistisch aber schlichtweg nichtig genannt werden kann, wird für den kreativen Geist hinter Down by Law oder Dead Man unmöglich mehr als eine Fingerübung gewesen sein.

Falls jemals ein Film existiert hat, der genauso gut auch völlig aus Versehen entstanden sein könnte, dann ist es dieser. Zu keiner Sekunde sieht man den Filmemacher hier etwas wagen, experimentieren oder seine künstlerischen Muskeln spannen. Wo Regie-Gallionsfiguren wie Francis Ford Coppola und Barry Levinson auf ihre alten Tage Passionsprojekte krachend an die Wand fahren, zuckelt Jarmusch gemütlich und mit angelegtem Sicherheitsgurt in die Garage. Schlussendlich kommt er zwar wohlbehalten an – es bleibt jedoch die Frage, ob er dafür überhaupt hätte losfahren müssen.
Und jetzt?
Beeindruckend an Father Mother Sister Brother ist wohl nur die Tatsache, dass es gelungen ist, einen derart dünnen Teig auf knapp unter zwei Stunden auszurollen. Jede kleine Episode trifft pflichtbewusst zwei oder drei Noten, um ihre eigene Existenz gerade so zu rechtfertigen, und endet dann, ohne irgendetwas Geistreiches vermittelt zu haben. Jarmuschs Beobachtungen in diesem Film sind so wenig tiefbohrend wie noch nie. Mit 72 Jahren scheint der Autorenfilmer sein Gespür für tiefere menschliche Wahrheiten nahezu verloren zu haben. Grundsätzliche, beinahe schon banale Aussagen füllen Laufzeiten, deren Überlänge sie nie stützen können. Sobald der Neuheitseffekt jedes Kapitels abgeklungen ist, setzt bald die Langeweile ein. Auch der gut aufgelegte Cast – allen voran Cate Blanchett, deren Wandlungsfähigkeit und Engagement für jede Rolle in Hollywood ihresgleichen suchen – kann mit diesem Skript nichts ausrichten.
Am knappsten an einer aufschlussreichen Aussage schrammt wohl Episode drei („Sister, Brother“) vorbei, in der ein Geschwisterpaar nach dem Tod ihrer Eltern anhand deren Nachlasses feststellt, wie wenig sie über die beiden eigentlich wussten. Jarmusch beweist immerhin genug Gespür, um anhand dieses Szenarios eine These über die Eltern-Kind-Beziehung und das Leben vor und nach der Familiengründung aufzustellen. Auch diesmal weigert er sich jedoch, tiefer als direkt unter der Oberfläche zu schürfen. Wieder bleibt es bei einer Grundbehauptung, im Anschluss derer die Frage nach dem „Und jetzt?“ nie beantwortet wird. Stattdessen wird besagte Behauptung ein ums andere Mal wiederholt und festgefahren. So bietet Father Mother Sister Brother am Ende maximal genug Fleisch für einen 30- oder 35-minütigen Kurzfilm, der mit unendlich viel Füllmaterial auf quälende 110 Minuten gestopft wird.

Mehr Megalopolis wagen
Passend zum aalglatten Buch fängt Jarmusch seinen 2025er Gähner auch inszenatorisch gänzlich uninspiriert ein. Die trocken-sterilen Szenarien, die größtenteils über ausgedehnte Mastershots erzählt werden, dürften Kenner:innen seines Œuvres bereits geläufig sein. Die freiere Verspieltheit, die seinen Vorgänger The Dead Don’t Die so kontrovers, aber schlussendlich auch so viel interessanter gemacht hat, weicht Schlafwandel-Filmemacherei.
Statt Esprit versprüht Father Mother Sister Brother reine Routine. Vermutlich steckt in der ersten Minute von Francis Ford Coppolas Science-Fiction-Flop Megalopolis mehr Kreativität, Ausdruckskraft und Herzblut als in 110 Minuten, die eine mechanische Jarmusch-Aufziehpuppe wohl nicht anders inszeniert hätte. An Megalopolis erinnern nebenbei bemerkt auch die erbärmlichen Greenscreen-Aufgaben, mit denen der Film Autofahrten vorzugaukeln versucht. Immerhin eine Sache an diesem Werk kann man also guten Gewissens als wirklich schlecht bezeichnen.
© Weltkino
Unser Fazit zu Father Mother Sister Brother
Während seiner Dankesrede verwies Jim Jarmusch liebevoll auf Akira Kurosawa, der bei seiner Auszeichnung mit dem Ehren-Oscar seine Angst ausdrückte, immer noch nicht zu wissen, wie man einen Film macht. Genauso, sagte Jarmusch, fühle er sich auch, wenn er bei jedem Film etwas Neues lerne. Nach der Betrachtung von Father Mother Sister Brother kann man sich nur die Frage stellen, wie eine etablierte Regie-Größe bei dieser Produktion irgendetwas gelernt haben soll. Die Verleihung des Goldenen Löwen an einen Lückenfüller in einer unantastbaren Filmografie ist insofern ärgerlich, dass sie die Rückwärtsgewandtheit einer ganzen Branche untermauert. Wo andere Wettbewerbsbeiträge sich in neuen cineastischen Sprachen artikulieren, bringt Jarmusch lediglich sein etabliertes Vokabular in eine leicht abgeänderte Reihenfolge. Heraus kommt ein filmgewordenes Schulterzucken – harmlos genug, um nicht zu beleidigen, zu harmlos, um zu verbleiben. Schon in zehn Jahren dürfte Father Mother Sister Brother nur noch eine vernachlässigte Fußnote auf der Wikipedia-Seite einer Ikone des Independent-Kinos sein.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

