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    Abenteuer Animation Fantasy Filme

    Wildwood

    Stefan Brüningvon Stefan Brüning1. November 2026Keine Kommentare7 min Lesezeit
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    Die Macht von Grayskull verlieh Travis Knights Masters of the Universe-Realverfilmung leider nicht die nötige Kraft für einen ordentlichen Kassenschlager. Nun kehrt der Präsident des Animationsstudios Laika mit dem Fantasy-Abenteuer Wildwood zu seinen Stop-Motion-Wurzeln zurück. Sollten uns die bewegten Puppen zu einem Kinobesuch animieren?

    Ein modernes Epos

    Nachdem ihr kleiner Bruder von einem Schwarm Krähen entführt worden ist, begibt sich die 12-jährige Prue auf eine abenteuerliche Rettungsmission in die „Undurchdringliche Wildnis“ –einen verzauberten Wald, der sich am Rande von Portland, Oregon, verbirgt. Gemeinsam mit ihrem tollpatschigen Mitschüler Curtis betritt sie eine Welt voller sprechender Tiere, Magie und uralter Mächte. Als die beiden in einen Konflikt geraten, der das Gleichgewicht des Waldes bedroht, entdeckt Prue eine innere Stärke, von der sie niemals geahnt hätte, dass sie in ihr steckt. Wenn sie ihren Bruder retten und das Schicksal von WILDWOOD verändern will, muss sie alles aufs Spiel setzen.

    Schon das Poster erzählt viel © Capelight Pictures

    Ein Regisseur zwischen Kunst und kommerziellem Misserfolg

    Travis Knight (Kubo – Der tapfere Samurai) ist ein Regisseur, der für seine Sache brennt. Das Projekt sei aus echter Leidenschaft für die Vorlage und nicht für den Algorithmus entstanden. Treffender könnte man seine Herangehensweise an Wildwood nicht beschreiben. Seltsamerweise stammt diese Aussage ausgerechnet aus einem Interview zu Masters of the Universe. Auch wenn Knight es vehement dementiert: seine dritte Regiearbeit war ein für den Massenmarkt konzipiertes Produkt, das mehr Kalkül als Kreativität enthielt. Zum Meister für die Massen wurde es allerdings erst auf dem Streaming-Markt, denn laut Knight hatte Amazon wenig Interesse an einer längeren Kinoauswertung.

    Diese Formelhaftigkeit kann man seiner Produktionsschmiede Laika nicht vorwerfen. Entgegen jedem Trend konfrontiert das Studio seine Zuschauerschaft mit originellen Stop-Motion-Abenteuern, die mitunter einen sehr düsteren Ton anschlagen. Dabei scheuen die Verantwortlichen weder Mühe noch Kosten, um die Grenzen des Menschenmöglichen im Bereich der Animation ständig zu verschieben. Belohnt wird diese Arbeit bisher nur von der Presse und diversen Preisverleiher:innen.

    Was das Publikum nicht kennt, schaut es nicht

    Angeblich überdrüssig vom ewig Gleichen, giert das Kinopublikum nach neuen, kreativen Geschichten. Der Blick auf die bisher zehn erfolgreichsten Filme des Jahres deutet diese Trendwende nur sehr zart an, denn von Müdigkeit jedweder Art ist dort kaum etwas zu spüren. Mitte Dezember stehen mit Avengers: Doomsday und Dune: Part Three noch zwei Megafranchises in den Startlöchern, von denen mindestens eines – ungeachtet der gerade mal dafür verbleibenden zwei Wochen des Jahres – einen hohen Listenplatz einfordern wird.

    Im Animationsbereich gelten die gleichen Gesetze. Computeranimierte Franchises spülen Geld in die Kassen, aber sobald eine originäre Geschichte erzählt oder eine andere Technik verwendet wird, bleiben die Zuschauer:innen aus. Hoppers von Pixar hat dieses Jahr deutlich weniger Geld eingespielt als Toy Story 5 und Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld hat trotz bekannter IP die Zuschauerschaft abgeschreckt.

    Dementsprechend wenig Profit werfen Laikas Projekte ab. Einzig ihr Debuts Coraline war ein moderater Erfolg. Ihr letztes Werk Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer ist dagegen kolossal gefloppt, obwohl es deutlich zugänglicher als die vorherigen Einträge in ihrer Filmographie war. Auf den ersten Blick mit dem gleichen spielerischen Stop-Motion-Look ausgestattet, verhandelt Wildwood deutlich erwachsenere Themen und scheut sich nicht davor, drastische Gewaltakte zu zeigen. Die Freigabe ab 12 bzw. ab 13 Jahren in den USA ist daher mehr als berechtigt. Schade nur, dass ein älteres Publikum Laikas Künste genauso wenig zu schätzen weiß, denn es bahnt sich nach dem ersten US-Wochenende ein weiterer Flop an. Verdient ist dieser nicht. Wildwood gehört ganz oben auf die Liste der besten Animationsfilme aller Zeiten.

    Wildwood gehört ganz oben auf die Liste der besten Animationsfilme aller Zeiten.

    Die Antagonistin mit ihrem Kind © Capelight Pictures

    Eine lebendige Welt …

    Genau wie sein Vorgänger offiziell mit einem Budget von 100 Millionen Dollar ausgestattet, soll Travis Knights neueste Liebhaberei laut Branchenkennern mindestens das Vierfache innerhalb der langen Produktionszeit verschlungen haben. Die Ausmaße des Projekts sind riesig. Mehr als tausend Kreative waren nötig, um in 2.804 Einstellungen – von denen 411 für die aufwendigste Stop-Motion-Schlacht aller Zeiten verwendet wurden – 233 Figuren mit 142.030 verschiedenen Gesichtsausdrücken in 132 realen Kulissen für dieses knapp zweieinhalbstündige Fantasy-Epos zu filmen. Für die Dreharbeiten wurden 112 Studios genutzt, die zusammen eine Fläche von 14.000 m² einnahmen. Die Produktionszeit war so lang, dass Laika im Abspann augenzwinkernd aufführt, wie viele Kinder ihre Mitarbeiter:innen in diesem Zeitraum bekommen haben.

    Die spektakulären Bilder lassen den enormen Aufwand erahnen. Wildwood ist ein visuelles Meisterwerk. Jeder Ort hat seinen eigenen Stil und wirkt bewohnt. Selbst wenn einige nur ein paar Sekunden zu sehen sind, strotzen sie vor Detailreichtum und erzählen ihre eigene Geschichte. Zu Beginn setzt Laika erst einmal ihrer Heimatstadt Portland im Bundesstaat Oregon ein Denkmal. Inspiriert von den örtlichen Gegebenheiten erschafft das Studio ein Miniaturwunderland mit vielen kleinen kreativen Einfällen an jeder Ecke. Die freundlichen Orte sind Nachbildungen realer Gebäude oder Plätze.

    Die meiste Zeit verbringen wir aber in den grandios gestalteten Wäldern und in der undurchdringlichen Wildnis. Hier gibt es wenig freundliche Orte: Der Regierungssitz ist zur Verwaltungshölle verkommen, die Vögel müssen sich in dunklen Baumhütten verstecken, das Räuberdorf wurde teilweise vernichtet und die Kojoten wohnen in unterirdischen Höhlen. Falls ausnahmsweise einmal durch den blauen Himmel und die schneebedeckten Berge eine Idylle entsteht, wird diese schnell zum Schlachtfeld umgestaltet. Ohne viele Worte bekommen wir so schnell ein Gefühl für dieses Fantasy-Setting und erahnen die Dramen der Kultur lange, bevor sie uns erzählt werden.

    … mit einer hohen Bevölkerungsdichte

    Die einzelnen Kommunen werden von sehr vielen individuellen Gestalten bewohnt, von denen jede ein einzigartiges Kostüm trägt, das ihre Persönlichkeit widerspiegelt. Auf den ersten Blick scheinen sie einige Klischees zu bedienen, bekommen aber im Laufe der Handlung – und sei es durch kleinste Gesten – eine ungewöhnliche Tiefe. Die Animationen sind erwartungsgemäß auf höchstem Niveau. Knight und sein Team sorgen mit unscheinbaren Kleinigkeiten dafür, dass ihre Figuren lebendig werden. Das gilt auch für die Umgebung. Wenn Prues unfreiwilliger Begleiter Curtis einen Kakao mit Sahne trinkt, bewegt sich diese physikalisch korrekt mit dem Becher mit.

    Gesprochen werden die mit Schaumlatex überzogenen Puppen im englischen Original von bekannten Namen wie Carey Mulligan ( Beef), Awkwafina (Die Gangster-Gang 2), Mahershala Ali (Jurassic World: Die Wiedergeburt) oder Jacob Tremblay (Unabomber).

    Die deutsche Synchronisation ist ebenfalls sehr gelungen, nur Tom Waits charakteristischer Bass lässt sich schwer adaptieren. Der finale Kampf stellt noch einmal alles bisher Gesehene in den Schatten und darf getrost in einem Atemzug mit den Schlachten um Helms Klamm oder Minas Tirith genannt werden. Allein diese 15 Minuten sind jede Eintrittsgeld wert.

    Prue schwingt sich zu einem Abenteuer auf © Capelight Pictures

    Undurchdringliche Dunkelheit

    Düster und brutal erzählt Wildwood– passend zur Freigabe– vom Ende einer Kindheit. Der Kontrast zu Prues heiler Welt könnte nicht größer sein. Vielleicht mussten ihr auch nur die Augen geöffnet werden, denn für die sichtbaren Probleme ihres Heimatortes ist sie scheinbar blind. Angelockt von der Frühjahrssonne fährt sie anfangs völlig arglos durch Portland. Nachdem sie zum ersten Mal aus den Wäldern nach Hause kommt, ist auch ihr Ort dunkler und trostloser geworden. Am Ende muss auch sie begreifen, wie schmerzvoll das Leben sein kann.

    Die undurchdringliche Wildnis trichtert ihr diese Lektion gnadenlos ein. Dabei ist die Prämisse auf dem Papier simpel und bekannt. Prue muss ihren entführten Bruder aus den Händen einer Antagonistin retten. Ähnlich wie in Alice im Wunderland oder Die Reise ins Labyrinth dringt sie dabei immer tiefer in eine Fantasy-Welt mit ihren Fabelwesen vor. Als Erstes trifft sie auf Kojoten, die ihr schnell vermitteln, wie ernst die Lage ist. Es gibt nur wenige humorige Momente, die als willkommene Verschnaufpause dienen können, denn in Wildwood dominiert der Tod. Beginnend mit einem Suizid ist er allgegenwärtig und dient als nachvollziehbare Antriebsfeder, um eine ganze Welt in den Abgrund zu stürzen. So sehr die Figuren auch versuchen, ihm zu entgehen, konfrontiert er sie doch immer wieder mit seiner dauerhaften Präsenz.

    Meisterhaft transportiert Knight mit seiner Inszenierung diese düstere Stimmung durch einfallsreiche Szenenwechsel, Schnitte, Musikuntermalung und Lichtsetzung. Je weniger Worte er dabei nutzen muss, desto wirkungsvoller ist die Szene. Wer einen Einblick erhalten möchte, dem sei der erste Trailer empfohlen. Ohne viele Worte und ausgerechnet mit einer Akustikversion eines EDM-Songs unterlegt, vermittelt er perfekt die gewünschte Tonalität. Erwartungsgemäß endet die Geschichte auf einer positiven Note – Knight möchte erzählen und nicht verstören –, hinterlässt aber einen so gewaltigen Eindruck, dass Zuschauer:innen den wunderschön gestalteten Abspann nutzen sollten, um genau wie Prue und Curtis wieder in der Realität Fuß zu fassen.

    © Capelight Pictures

    Unser Fazit zu Wildwood

    5.0 Meisterwerk

    Schustersohn, bleib bei deinen Leisten, möchte man Travis Knight, dem Sohn des Nike-Gründers Phil Knight, zurufen. Die Rückkehr des Königs von Laika zur Animation ist ein über zweistündiger Triumphzug des Studios durch handgefertigte Einzelbilder. Die Masters of Puppets spielen nicht nur in einer anderen Liga, sie haben sich mit Wildwood in ein anderes Universum katapultiert. Die epische Geschichte über Verlust, Trauer und deren Verarbeitung ist eingebettet in audiovisuelle Brillanz und lässt einen sprachlos zurück. Schaut bitte nicht (nur) zum x-ten Mal Herr der Ringe in der Vorweihnachtszeit, sondern lasst euch zur Abwechslung von einem anderen Fantasy-Meisterwerk begeistern. Laika braucht, wie das bisherige Boxoffice-Ergebnis zeigt, den Zuspruch dringend.

     

     

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    Stefan Brüning

    Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.

    Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

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